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Wulff-Gate – das immergleiche Szenario eines politischen Untergangs.

„All the president’s men“ war der Original-Titel der Verfilmung des Watergate-Skandals (Deutscher Titel: „Die Unbestechlichen“). Robert Redford und Dustin Hoffman spielten darin die Reporter Bob Woodward und Carl Bernstein, die einen Abhör-Skandal aufdeckten, der 1974 zum Rücktritt des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon führte. Seit Watergate ist „…gate“ das Suffix für politische Skandale.

Stand 3. Januar ist unser Bundespräsident noch in Amt und Würden, aber es ist nur eine Frage der Zeit, wann er zurücktreten muss. Dabei erinnert auch sein (tiefer) Fall an das Watergate-Szenario. Zuletzt versuchte auch das Weiße Haus, die Herausgeberin der Washington Post, die den Watergate-Skandal öffentlich machte, massiv unter Druck zu setzen. Für den Chefredakteur (im Film brillant verkörpert von Jason Robards, der dafür einen Oscar erhielt) das endgültige Signal, den Präsidenten über die Klinge springen zulassen.

Während in „All the president’s men“ die zahlreichen Berater aus dem Stab des amerikanischen Präsidenten die Drecksarbeit erledigten, scheint unser zukünftiger Ex-Bundespräsident von allen guten Geistern verlassen gewesen zu sein und rief höchst selbst zuerst Kai Diekmann an, den Chefredakteur der BILD-Zeitung, dann Mathias Döpfner, den Vorstandsvorsitzenden des Springer-Verlages und schließlich sogar Friede Springer, um die Veröffentlichung eines Artikels zu verhindern, der ihn diskreditierte.

BILD killt.

Die einflussreichste Deutsche Tageszeitung hatte es zwar nicht geschafft, zu Guttenberg als Verteidigungsminister im Amt zu halten (obwohl die beiden Feuchtfrisuren Diekmann und zu Guttenberg „best friend“ waren), aber es wird dem Boulevard-Blatt ein Leichtes sein, nun Wulff über die Klinge springen zu lassen.

Wo war Glaeseker?

Olaf Glaeseker ist das, was „Bob“ Haldeman seinerzeit für Richard Nixon war: der engste Vertraute. Mir gegenüber bezeichnete Wulff ihn sogar einmal als seinen Spiritus Rector. Glaeseker war also nicht nur sein Sprecher, Wulff ließ sich geistig von ihm leiten. Als Richard Nixon das Wasser schon bis zum Halse stand, überredete er Haldeman, den eigentlichen Drahtzieher der Watergate-Affäre, zurückzutreten. Am 22. Dezember, 10 Tage nach Wulffs Telefonterror und 9 Tage nach der Veröffentlichung der Kredit-Affäre in der BILD-Zeitung, wurde Olaf Glaeseker plötzlich entlassen.

Harry Robbins („Bob“) Haldeman und Olaf Glaeseker.

Aber Glaeseker war nicht das übliche Bauernopfer – mit ihm hatte der „König“ Wulff seine (PR-) „Dame“ verloren. Glaeseker war dafür bekannt, etwaige PR-Probleme diskret zu lösen. Zuletzt Wulffs Scheidung von seiner ersten Frau, bei der die BILD-Zeitung noch Glaesekers Strategie folgte: den damaligen Ministerpräsident von Niedersachsen als strahlenden Schwiegersohn mit nunmehr repräsentativer Gattin zu präsentieren und damit die strengen Katholiken in der CDU zu beschwichtigen, für die eine Scheidung eigentlich eine mittelschwere Katastrophe war.

Und Hagebölling?

Wulff nahm Glaeseker aus Hannover mit nach Berlin. Genau wie Lothar Hagebölling, vormals Chef der niedersächsischen Staatskanzlei in Hannover, jetzt Chef des Bundespräsidialamtes. Wäre Wulff dem Watergate-Szenario gefolgt, hätte er sich auch von Hagebölling trennen müssen, denn im Watergate-Skandal trat gemeinsam mit Haldeman auch der zweite wichtige Berater Nixons mit dem vielsagenden Namen John Ehrlichman zurück. Hagebölling ist noch im Amt und waltete desselben, indem er Glaeseker entließt.

Nach Bekanntwerden seiner Kreditgeschäfte dachte man zunächst, Christian Wulff sitzt es aus. Er hat schon soviel ausgesessen in seiner Karriere. In Niedersachsen steckte er zwei Wahlniederlagen gegen Gerhard Schröder weg, bevor er endlich Ministerpräsident wurde und in Berlin überstand er drei Wahlgänge gegen Joachim Gauck, den Bundespräsidenten der Herzen, bevor er endlich selbst das höchste Amt des Staates bekleiden durfte.

Nun hat es auch Wulff erwischt.

Denn genau wie vor ihm Uwe Barschel oder Karl Theodor zu Guttenberg, hat auch Christian Wulff nichts aus der Watergate-Affäre gelernt.

Immer noch läuft das Szenario einer Entmachtung nach dem gleichen Schema ab. Ein hoher Politiker folgt seinen eigenen Gesetzen oder denen seiner Partei oder denen seiner Vorgänger. Irgendwann lebt er nur noch in einer Parallelwelt. Er umgibt sich mit einem Hofstaat aus persönlichen Beratern und einflussreichen Persönlichkeiten und verliert vollends den Bezug zur Wirklichkeit. Solche Politiker empfinden Rechtsverstöße in ihrer eigenen Wahrnehmung nicht mal mehr als solche. Egal, ob es den Kuhhandel „Hauskredit gegen Porsche-Rettung“ mit der BW-Bank wirklich gab – in der Parallelwelt der Politik ist so etwas völlig normal, es gilt das ungeschriebene Gesetz „Quit pro quo“.

„Alea iacta est.“

So hat Christian Wulff auch ohne schlechtes Gewissen ein Buch mit dem Titel „Besser die Wahrheit“ veröffentlichen können, das nun zur Lachnummer wird. (Auch die Finanzierung der Buch-Werbung durch Ex-AWD-Chef Carsten Maschmeyer ist im Selbstverständnis solcher Politiker nichts Unanständiges.) So hat Wulff einen vielzitierten Satz sagen können, den er selbst ins Gegenteil verkehrte: „Nicht alles, was juristisch rechtens ist, ist auch richtig “. Und so hat er zuletzt seine Hymne auf die Pressefreiheit als hohes demokratisches Gut ausgerechnet am dem Tag singen können, an dem sein Berater Hagebölling gerade seinen Berater Glaeseker entließ.

10 Tage zuvor hatte Wulff noch selbst der Pressefreiheit den Krieg erklärt.

Der Rubicon und Christian Wulff

Wulff hat dabei auch gesagt, dass die BILD-Zeitung mit ihrer Recherche „den Rubicon überschritten“ habe. Zur Erinnerung, es handelt sich dabei um den italienischen Fluss, der südlich von Ravenna in die Adria mündet und der einst von Julius Cäsar als Affront gegen den römischen Senat überschritten wurde. Cesar legt sich 49 v. Chr. also mit seinem eigenen Parlament an und sagte dabei seinen wohl berühmtesten Satz: „Alea iacta est.“

Für Wulff sind die Würfel gefallen.


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