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Über den Zusammenhang von Blowin‘ In The Wind und Blumenkohl.

Nein, Knockin’ On Heaven’s Door wurde nicht von den Guns’n’Roses geschrieben. Und Adele hat Make You Feel My Love auf ihrem ersten Album 19 auch nur nachgesungen. Genauso wie Jimi Hendrix All Along The Watchtower. Auch Mr. Tambourine Man wurde ebenso wenig von den Byrds geschrieben wie A Hard Rains A-Gonna Fall von Bryan Ferry. Und It’s All Over Now, Baby Blue haben Van Morrison & Them auch nur nachgesungen. (Sven Regener auf der jüngsten Element-Of-Crime-CD übrigens auch.) Es gibt wohl kaum einen Komponisten und Texter, der so oft „ge-covert“ wurde wie Bob Dylan.

Dylan ist gerade 70 geworden und nach 35 Jahren kann ich mich endlich zu ihm bekennen. Anfang der 70er Jahre hatte ich meine erste Begegnung mit ihm: Ein Engtanz („Blues“) in der Disko der Osnabrücker Tanzschule Knaul – zu Knockin’ On Heaven’s Door. Damals spielte der Song sozusagen nur die zweite Geige (und das Mädchen, das ich hielt, die erste).

Apropos Geige: Dann kam Hurricane, dieses flotte Stück mit der nervigen Fidel, auf das alle „standen“, die ich nicht mochte. Kaum erklangen die ersten Töne dieses Songs, rannten Mädchen mit Mittelscheiteln auf die Tanzfläche und gerieten förmlich außer sich. Die coolsten unter den Jungs (die bestimmt schon gekifft hatten) schlurften hinterher und ließen sich von den Mädchen umtanzen. Ich war neidisch. Ich traute mich nicht. Ja, und deshalb mochte ich Bob Dylan nicht. Weil ich die Jungs nicht mochte, die von den Mädchen umtanzt wurden, die Bob Dylan mochten.

Als Dylan in den 80er Jahren zum Christentum konvertierte (er war Jude und hieß mit bürgerlichem Namen eigentlich Robert Allen Zimmerman bzw. hebräisch Shabtai Zisel ben Avraham) wurden seine Platten so dermaßen schlecht, dass ich ihn ohne Probleme auch schlecht finden konnte. Mein Freund Andreas, der größte Dylan-Fan, den ich kenne (er sprach ihn „Düln“ aus), versuchte immer wieder, mir den Sänger, der nicht singen kann, schmackhaft zu machen. Aber ich mochte „Düln“ genauso wenig wie den selbstgekochten Blumenkohl von Andreas. Aus heutiger Sicht lag es vielleicht eher am Blumenkohl. So wie zuvor an den Jungs, die von den Mädchen …

Erst Daniel Lanois brachte mir Bob Dylan näher. Auf den Tontechniker aus Toronto war ich aufmerksam geworden, weil er Martha & The Muffins (damals ein Geheimtipp … heute leider immer noch) produzierte. Und Peter Gabriel. Und U2. Und ausgerechnet Bono, der Sänger von U2, den ich auch nicht mag, empfahl Bob Dylan, den ich ja damals noch weniger mochte, ein Album mit Daniel Lanois zu machen.

Lanois gab Dylan eine Stimme. Plötzlich konnte er singen oder hatte zumindest einen Ausdruck in seinem Gekrächze. Und: Lanois gab Dylan einen Sound. Die CD erschien 1989 (im Gründungsjahr unserer Agentur), hieß Oh Mercy und ich – war begeistert. Ein Ausnahme-Album … das leider auch die Ausnahme blieb, denn die folgenden waren wieder so schlecht wie diejenigen davor.

Kann sogar malen: „Sunday Afternoon“ und „Vista From The Balcony“ aus der 2010 Collection von Bob Dylan.

Erst als Dylan 1997 wieder mit Lanois zusammenarbeitete, gelang ihm der ganz große Wurf: Time Out Of Mind – eines der besten Alben des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Und das beste von Bob Dylan – mit 56 Jahren! Ich kaufte die CD schon nicht mehr ganz so heimlich wie Oh Mercy. Ich erzählte sogar Andreas davon, der die Hoffnung nie aufgegeben hatte. Er war inzwischen verheiratet und musste keinen Blumenkohl mehr kochen. Eins kam zum anderen.

Time Out Of Mind enthält so viele gute Songs (u.a. auch das von Adele nachgesungene Make You Feel My Love), dass man gar nicht weiß, wo man anfangen und aufhören soll. Bei Dylans Konzerten – seit 1988 befindet er sich auf einer „Never Ending Tour“ mit mittlerweile weit über 2.000 Konzerten weltweit – gehört Not Dark Yet heute zu den Höhepunkten des Abends.

Aber es mussten weitere vier Jahre vergehen – bis zum 70. Geburtstag des Meisters im Mai 2011 – bevor ich mich daran machte, nicht nur den „reifen“ Dylan, sondern auch diesen jungen Schnösel aus dem Greenwich Village der frühen 60er Jahre für mich zu entdecken. Und wieder war die Fidel aus den frühen 70ern schuld: One More Cup Of Coffee heißt ein weiteres Stück von Dylans Album Desire, von dem auch das o.g. Hurricane stammt. Ausgerechnet ein Fernsehfilm im ZDF brachte mich darauf. Eine zwischen zwei Männern hin und her gerissene Frau. Eine Autofahrt auf einer langen Allee. Und dazu dieser Song.

Ohne Tanzschuldisko, Mädchen mit Mittelscheiteln und kiffende Jungs fand ich die Violine plötzlich gar nicht mehr nervig. Genauso wenig wie den näselnden Muezzin-Gesang Dylans im Duett mit Emmylou Harris. One More Cup Of Coffee war das erste Dylan-Stück, das ich mir bei iTunes runter geladen habe. Ja, und heute kamen 38 weitere dazu – von über 450, die Dylan auf bisher 34 Studio- und 13 Live-Alben veröffentlicht hat.

Blowin In The Wind – das von Millionen Lagerfeueramateurgitarristen, Kirchentagsbesuchern und friedensbewegten Transparentträgern überstrapazierte Stück ist ebenso dabei wie mein neuer Lieblingssong von Bob: I Want You von seiner 1965 erschienen LP Blonde On Blonde, damals noch in Mono. Ja, über 35 Jahre nach meiner ersten Tanzbekanntschaft kann ich heute ganz befreit mit dem Genie, dem „Gott“, dem Idol Bob Dylan umgehen. Kann sogar „Bob“ zu ihm sagen, ohne dass es mir peinlich wäre. Und ich kann die Originale von ihm besser finden als die (nicht selten erfolgreicheren) Coverversionen seiner Songs. Kann seine Stimme mögen und ihn sogar Mundharmonika spielen hören. Mittlerweile mag ich auch Blumenkohl … wenn er nicht von Andreas ist.

Am 26. Juni spielt Bob Dylan in Hamburg auf der Freilichtbühne im Stadtpark.


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