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Beirut: Brass-Band zwischen Balkan, Brit-Pop und Badeunfällen

Als „Rip Tide“ bezeichnet man einen gebündelten Brandungsrückstrom an Meeresküsten, der überall dort entsteht, wo die Wellen der Brandung nicht ungehindert ins Meer zurückfließen können, weil sie von Sandbänken gebrochen und kanalisiert werden. Dadurch entsteht ein Sog, der schon viele Schwimmer weit hinaus ins Meer getrieben hat – die häufigste Ursache für Badeunfälle. In einen solchen „Rip Tide“ geriet Zachary Francis Condon, der Kopf der amerikanischen Band „Beirut“ an einem Strand in Brasilien – und benannte sein neues Album danach.

Die amerikanische Band BeirutWieder in ruhigeren Gewässern: die amerikanische Band „Beirut“.

„Zach“ Condon konnte sich wieder an den Strand retten und überlebte. Doch vorher erwischte ihn noch eine Welle, die sein Trommelfell platzen ließ. Ein solches Erlebnis prägt, das weiß man von Cat Stevens, der sich nach einem ähnlichen Badeunfall gottesfürchtig Allah zuwandte, konvertierte und sogar seinen Namen in Yussuf Islam änderte. Wieder erholt vom Schock und genesen von seiner Verletzung nahm Condon mit seinem Bandprojekt „Beirut“ lieber eine CD auf. Und die gehört zum Besten, was das Jahr 2011 zu bieten hat. (Nach „Feel it break“ von Austra, meiner zweiten Entdeckung des Jahres.)

Zachary CondonVom Jugendzimmer in die weite Welt: Beirut-Bandleader Zachary „Zach“ Condon.

Der junge Mann stammt aus Albuquerque, New Mexico, spielte schon als Teenager in einer Jazz-Band und jobbte nebenbei in einem Kunst-Kino in Santa Fe. Dort wurden jede Woche Filme aus aller Welt aufgeführt. Speziell an Fellinis Filmen mochte Zach vor allem die Szenen mit den sizilianischen Beerdigungskapellen und ihrem schleppenden scheppernden Klang. Als eines schönen Tages Filme vom Balkan über die Kinoleinwand liefen, unterlegt mit diesem balkantypischen Blechbläser-Sound, packte es Zach Condon endgültig. Er schmiss die Schule mit 17, flog nach Europa und wanderte über den Balkan; lernte Sinti und Roma kennen, musizierte mit ihnen; kam beseelt zurück nach New Mexico und nahm sogleich sein erstes Album auf: „The Gulag Orkesta“ mit so schönen Titeln wie „Prenzlauerberg“, „The Bunker“ und „My family’s role in the world revolution“. Da war er 19.

Es folgten 2007 „The Flying Club Cup“, auf dem er sich eher von französischer Blechblas-Musik inspirieren ließ (darauf das wunderschönen Stück „Nantes“) und 2009, mit einer Mischung aus Brass-Band und elektronischer New Wave-Musik, das Album „March of the Zapotec and Realpeople Holland“. Merkwürdige Titel für eine merkwürdige Musik. Nicht jedermanns Sache, aber auch für diejenigen Musikliebhaber, die weder einem lustigen Bosniak noch serbischen Blaskapellen viel abgewinnen können, haben die Melodien von Beirut einen Charme, dem man sich kaum entziehen kann. Das mag auch an dem eher angelsächsisch klingenden Gesang von Zach Condon liegen, denn der würde auch ebenso gut zu einer melancholischen Brit-Pop-Band passen. Wie überhaupt manche Passagen von „The Rip Tide“ sogar an „The Smiths“ erinnern, nimmt man nur deren ebenso kurze wie geniale Mandolinen-Hymne „Please, please, please, let me get what I want“. Mandolinen, Ukulelen und Akkordion gehören ebenso zum Repertoire der zeitweise 11-köpfigen Band Beirut wie die prägenden Trompeten, Posaunen und Hörner.


Beirut „unplugged“ zelebrieren „East Harlem“, „Santa Fe“ und eine serbische Volksweise am „kleinen Schreibtisch“ in der NPR-Redaktion von Bob Boilen.

Zach Condons melancholische Stimme ist es auch, die neben der Instrumentierung das neue und sicher kommerziellste Album von Beirut prägt. Nach seinen ersten Alben, die ihn nicht nur in der Balkan- und Polka-Pop-Szene schlagartig bekannt gemacht haben, wurde ihm der Rummel um seine Band schon zuviel und er brach eine als Welttournee geplante Konzertreihe nach den ersten Auftritten Australien und Neuseeland kurzerhand wieder ab.

The Rip TideSchlichtes Cover, üppiger Inhalt. Das Album „The Rip Tide“ von „Beirut“

Nun scheint der Weltenbummler zu „setteln“ (er hat sich tatsächlich mittlerweile in Brooklyn, New York niedergelassen) und legt mit „The Rip Tide“ ein Album vor, dass zwar ebenso nach Blaskapelle klingt wie seine früheren, aber sehr eingängige Melodien enthält, allen voran die Single-Auskopplung „East Harlem“. Der Song, den Zach Condon seiner alten Heimatstadt „Santa Fe“ widmet, hat sogar Hitpotenzial. Und der Mann mit dem kindlichen Gesicht und der erwachsenen Stimme ist gerade mal 25. Jung genug, um noch einige musikalische Reisen zu unternehmen. Er sollte dabei vielleicht Strände mit allzu starker Brandung meiden und Ohrstöpsel tragen.


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