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Politik ohne Polarisierung: Das Mutti-Management. (Eine Polemik.)

| Reinhard Stiehl

Brigitte Fehrle ist Chefredakteurin der Berliner Zeitung. In der Frankfurter Rundschau, die zum gleichen Verlagshaus gehört, veröffentlichte sie gleich zum (Wahl-) Jahresbeginn 2013 den Leitartikel „Vom Ende der Parteien-Polarisierung“ – und redet einer Nivellierung das Wort, in der es weder links noch rechts gibt und jeder mit jedem koalieren kann. Alles ist irgendwie … Merkel.

Brigitte Fehrle sagt über sich selbst: „Mit mir hatte niemand etwas Besonderes vor. Meine Eltern wären zufrieden gewesen, wenn ich Krankenschwester geworden wäre.“ Doch dazu kam es nicht. Denn: „Wenn sich die Möglichkeit des Aufstiegs geboten hat, dann habe ich immer die Weichen in Richtung mehr Führung gestellt.“

Chefredakteurin der Berliner ZeitungBrigitte Fehrle, Chefredakteurin der Berliner Zeitung

Dieser Satz hätte auch von Angela Merkel stammen können. Die beiden Frauen verbindet nicht nur ihr Jahrgang (1954): die eine hüben, geboren in Stuttgart; die andere drüben, aufgewachsen in der brandenburgischen Uckermark – beiden gemein ist auch ihr Ehrgeiz, ob aus häuslicher Unterforderung (Fehrle) oder wegen des väterlichen Vorbilds (Merkel).

Das Wendejahr 1990 war für Brigitte Fehrle und Angela Merkel der eigentliche Beginn ihrer Karriere. Fehrle, die an der Freien Universität Berlin (West) Politikwissenschaft studiert hatte, trat ihren ersten „richtigen“ Journalisten-Job bei der Berliner Zeitung (Ost) an, nachdem sie vorher bei der links-alternativen „taz“ angeheuert hatte. Merkel, die bereits während ihrer Tätigkeit an der Akademie der Wissenschaften in Berlin (Ost) in ihrer FDJ-Gruppe für „Agitation und Propaganda“ zuständig war, wurde Pressesprecherin des „Demokratischen Aufbruch“, der später mit der CDU (Ost) fusionierte.

Wer hätte damals gedacht, dass diese beiden Frauen einmal zu Schwestern im Geiste werden könnten? Brigitte Fehrle hat! Denn über Angela Merkel sagt sie: „Zu wissen, woher sie gekommen ist und wie sie ihren Weg ins Kanzleramt gemacht hat, das ist beeindruckend.“

Verkehrte Welt? Nein, Frankfurter Rundschau!

Fehrle auf FR-Online:

„Wenn man verstehen will, wie es zum Ende der Polarisierung kam, kommt man an Merkel nicht vorbei: Ohne sieben Jahre Merkel-Regierung, besser ohne sieben Jahre Politikstil von Angela Merkel wäre Deutschland nicht in diesen Zustand der – durchaus positiv gemeinten – parteipolitischen Schwammigkeit gekommen.“

Und weiter:

„Im Ende der Polarisierung liegt die größte Chance für die Versachlichung von Politik. Das Ende der Polarisierung ist – im besten Fall – der Anfang des Denkens.“

Schließlich:

„Dass sich die Regierung, allen voran die Kanzlerin (…) seit Beginn dieser Krise als nachdenkend, analysierend und damit lernfähig erweisen hat, zeigt, dass die Politik auch ohne Polarisierung auskommt.“

Das Gegenteil von Polarisierung, die ja immer auch Auseinandersetzung (Streit) bedeutet, ist Harmonisierung. Und Harmoniebestreben gilt gemeinhin als weibliche Eigenschaft. Ebenso wie die sogenannten Soft Skills „Einfühlungsvermögen“ und „Beziehungsorientierung“. Mit diesen Eigenschaften allein, das haben die Ü 50 Führungsfrauen früh erkannt, lässt sich aber keine Karriere machen. Weder in der Presse noch in der in der Politik, denn hier wie da dominierte in den oberen Etagen trotz Feminismus, Emanzipation und Gender noch lange Zeit das „Männerbund-Management“, wie es die Hamburger Sozialwissenschaftlerin Daniela Rastetter so treffend bezeichnete.

Mutti-Management vs. Männerbund-Management

Dass daraus mittlerweile das „Mutti-Management“ geworden ist, verdanken wir Frauen wie Brigitte Fehrle und Angela Merkel. Beide kinderlos und berufstätig. „Mutti“ steht also nicht für das traditionelle Rollenbild der Mutter und Hausfrau (neudeutsch: Familienmanagerin), sondern für „mikropolitische Kompetenz“ (Rastetter).

Mikropolitische Kompetenz erkennt an, dass makropolitische Rahmenbedingungen unveränderbar sind. Mit anderen Worten: Muttis wollen nicht die Gesellschaft verändern und rennen sich auch nicht die Köpfe an zementierten Organisationsstrukturen ein. Gleichzeitig begreift mikropolitische Kompetenz aber die Macht als „positive Gestaltungsmacht, die es gezielt einzusetzen gilt“ (Rastetter).

„Machttaktik“: das Schlüsselwort im Mutti-Management.

„Organisationsstrukturen begrenzen zwar mikropolitische Spielräume, jedoch gibt es für alle Organisationsmitglieder immer bestimmte Handlungskorridore, die genutzt werden können (…) beispielsweise durch die Bildung von Seilschaften, Aussitzen, Loyalität oder der Schaffung von Sachzwängen.“ (Aus: „Macht und Mikropolitik. Strategien weiblicher Leitungskräfte“, Prof. Dr. Daniela Rastetter)

Prof. Dr. Daniela RastetterProf. Dr. Daniela Rastetter, Uni Hamburg

Positive Gestaltungsmacht bedeutet also nicht, langfristige Strategien zu entwickeln oder eindeutige Positionen zu beziehen, sondern kurzfristig zu taktieren und sein Woll-Jäckchen in den Wind zu hängen. Weht dieser Wind aus Fukushima, wird der Ausstieg aus dem Atomausstieg dann zum Ausstieg vom Ausstieg aus dem Atomausstieg. Allerdings ohne ernsthaftes Konzept. Man ruft die Energiewende aus, weil es opportun ist, und wird – sobald der Wind sich wieder drehen sollte – auch die Wende in der Energiewende verkünden. Aus Sachzwängen, versteht sich.

Was nach außen also zunächst fortschrittlich und mutig aussieht, ist reines Mutti-Machtkalkül.

Denn genau wie das Männerbund-Management zielt auch das Mutti-Management auf nichts anderes ab als den Machterhalt. Der geht allerdings auch im Mutti-Management nicht ohne Opfer über die Bühne. Management-Muttis sind nämlich nicht zu verwechseln mit fürsorglichen Müttern, die sich um ihre Jungs kümmern. Dass es – trotz einer hochnotpeinlichen Familienministerin und einer mutmaßlichen Plagiats-Promovierten im Kabinett – bisher ausschließlich Männer traf, die Mutti Merkel über die Klinge springen ließ, ist kein Zufall. (Selbst ihr designierter „Schwiegersohn“ Norbert Röttgen musste dran glauben, weil er nicht so wollte wie sie.) Dass Muttis neue Männer eher Weicheier und Warmduscher sind, versteht sich fast schon von selbst.

Politik ohne Polarisierung bedarf entsprechend gepolter Politiker.

Umweltminister Peter Altmaier und Kanzleramtsminister Ronald Pofalla

Aus ihrer eigenen Partei, der CDU, sind das neben Muttis Lieblingen Ronald Pofalla und Peter Altmaier an Männern nur noch ihr Mentor Wolfgang Schäuble und ihr treu ergebener Parteisoldat Thomas de Maiziere, der Merkel bereits 1990 seinem Cousin Lothar, dem letzten (CDU-) Ministerpräsidenten der DDR, als Pressesprecherin anempfohlen hatte. Loyalität und Seilschaften – Handlungskorridore mikropolitischer Kompetenz.

Im Laufe ihrer Amtszeit, zunächst als CDU-Vorsitzende und später auch als Kanzlerin, musste sich Merkel aber noch eines Männerbundes entledigen, der ihrem Mutti-Management im Wege stand: Ex-Bundespräsident Christian Wulff gehörte ebenso dazu wie die Ex-CDU-Minister und Ex-CDU-Ministerpräsidenten Franz-Josef Jung, Matthias Wissmann, Roland Koch, Peter Müller, Günther Oettinger und Friedrich Merz – besser bekannt als Anden-Pakt. Weggelobt oder weg vom Fenster.

Diese Aufräumaktion erledigte sie aber nicht als innerparteilichen Putsch, sondern als gewissenhafte Putzfrau, sobald sich entsprechende „Handlungskorridore“ öffneten.

Das Merkelsche DreieckDas Merkelsche Dreieck: Symbol mikropolitischer Kompetenz

Wie sagte Brigitte Fehrle noch über Angela Merkel: „Zu wissen, woher sie gekommen ist und wie sie ihren Weg ins Kanzleramt gemacht hat, das ist beeindruckend.“ Fehrle weiß wovon sie redet. Denn auch sie hat ja „immer die Weichen in Richtung mehr Führung gestellt, wenn sich die Möglichkeit des Aufstiegs geboten hat“.

Zuerst 16 Jahre bei der Berliner Zeitung, dann ein Jahr bei der Frankfurter Rundschau, dann kein Jahr bei der ZEIT. Dann wieder bei der Berliner Zeitung, dann wieder bei der Frankfurter Rundschau, zwischenzeitlich auch für beide Blätter. Und schließlich wieder bei der Berliner Zeitung. Als stellvertretende Chefredakteurin im Schatten von Uwe Vorkötter, der – außer bei der ZEIT – immer ihr Chefredakteur war. Bis sich 2012 ein Handlungskorridor auftat, weil Vorkötter sich mit dem Verleger überworfen hatte; den nutzte Brigitte Fehrle und wurde Chefredakteurin. Positive Gestaltungsmacht, die es gezielt einzusetzen gilt: bestes Mutti-Management.

Auch ganz aktuell, wenn es darum geht, jeden zweiten Redakteur der sogenannten „Rege 1“, der Redaktionsgemeinschaft Wirtschaft & Politik, die Brigitte Fehrle ebenfalls leitet, zu entlassen. Denn nach der insolventen Frankfurter Rundschau regiert der Rotstift nun auch bei den Berliner Zeitungen des DuMont-Verlags.

All das muss man wissen, wenn man ihren Neujahrsartikel „Vom Ende der Parteien-Polarisierung“ in der Frankfurter Rundschau richtig einschätzen will. Fehrle orientiert sich in die Merkel-Mitte. Vielleicht, weil sie sich davon für ihre eigene berufliche Zukunft Vorteile erhofft? „Machttaktik“ im Mutti-Management.

Die von ihr so positiv beschriebene „parteipolitische Schwammigkeit“ in Berlin ist in Wahrheit nur ein Synonym für das „Durchwurschteln“, das niemand so perfekt beherrscht wie die Mutti aller Mutti-Managerinnen selbst.

„Das Ende der Polarisierung“ ist deshalb in Wahrheit auch nicht „der Anfang des Denkens“, wie Fehrle behauptet, sondern die Nivellierung aller Gegensätze, die irgendwie störend sein könnten.

Statt „nachdenkend, analysierend und damit lernfähig“ zu sein, wie Fehrle in ihrem Artikel die Regierung und – sicherheitshalber – auch gleich die Opposition lobt, geht es in Wahrheit darum, so zu sein wie Merkel: abwartend, taktierend und anpassungsfähig.

Sind wir auf dem Weg in eine Mutti-Gesellschaft? Es sieht ganz danach aus, denn weit und breit ist kein mutiger Mann in Sicht, der Mutti polarisierend Paroli bieten könnte. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück, der Merkel in der Großen Koalition noch als Finanzminister diente, entwickelt sich zu „Merkels bestem Mann“ (Neue Osnabrücker Zeitung). Mit seiner gewonnenen „Beinfreiheit“ tritt er verlässlich in jedes Fettnäpfchen, das die Medien ihm in den Weg stellen.

So wird es am Ende wohl wieder eine Mutti-Managerin sein, die Angela Merkel eines fernen Tages einmal beerbt. Aus den eigenen Reihen Ursula von der Leyen. Oder gleich die Mutti der Opposition: Hannelore Kraft. Und Brigitte Fehrle, die Mutti-Managerin der Berliner Zeitung, wird ihre Schäfchen nicht nur an ihrem Zeitwohnsitz, einem Bauernhof im Wendland, bis dahin längst ins Trockene gebracht haben.


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