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Patrick Berg ist die Reinkarnation von Peter Lorre – und als Schauspieler eine Granate.

| Reinhard Stiehl

Peter Lorre ist unauslöschlich mit seiner Rolle als glubschäugiger Kindermörder in dem 1931 entstandenen Fritz Lang-Film „M – eine Stadt sucht einen Mörder“ verbunden. Patrick Berg steht noch am Anfang seiner Karriere. Er ist Schauspieler am Theater Osnabrück. Es ist sein erstes festes Engagement. Er sieht Lorre zum Verwechseln ähnlich und bereits in seinen ersten Rollen erweist er sich als Multi-Talent.

Die Theaterkritikerin Christine Adam nennt ihn eine „komödiantische Granate“, aber Berg kann weit mehr als nur witzig sein. Patrick Berg wurde 1983 in Hamburg geboren, stammt aus einer Schauspielerfamilie, sprach bereits mit 15 das erste Mal an einer Schauspielschule vor, studierte an der Folkwang-Schule in Bochum (Abschlussklasse 2010) und hatte sein erstes Gast-Engagement am Theater Dortmund in dem Zweipersonenstück „Sauerstoff“ von Iwan Wyrypajew in der Inszenierung von Björn Gabriel.

Die gleichen Glubschaugen: Patrick Berg (li.) und Peter Lorre

Patrick Berg hat Glubschaugen (Morbus Basedow) wie Peter Lorre, kaum noch Haare auf dem Kopf und ist der geborene Anti-Held. Vor allem aber hat er Humor! Und er steht am Beginn einer großen Karriere. Man sollte ihn sich ansehen, solange er noch in Osnabrück am Theater spielt (bevor ihn ein größeres, namhafteres Theater für sich entdeckt), zum Beispiel in dem Lustspiel „Pension Schöller“.

Die Rolle des verhinderten Schauspielers Eugen Rümpel in dem von Wilhelm Jacoby und Carl Lauf bereits 1890 uraufgeführten Stück ist Patrick Berg wie auf den Leib geschrieben. Wie Pontius Pilatus in Monty Python’s „Das Leben des Brian“ ein „B“ nur wie ein „P“ aussprechen kann („Werft ihn zu Poden!“), kann Eugen Rümpel in „Pension Schöller“ kein „L“ aussprechen – und spricht stattdessen ein „N“. Fortan „deknamiert“ er diverse „Knassiker“ – von „Hamnet“ über „König Near“ bis „Nessing’s Nathan der Weise“ und zitiert aus „Wannenstein“ und „Othenno“. Das ist natürlich eine dankbare Rolle für jeden Schauspieler, kann er damit doch nicht nur ein Medley seines darstellerischen Könnens auf die Bühne bringen (10 Klassiker in 5 Minuten), sondern auch gleich noch den Beifall eines begeisterten Publikums für sich verbuchen. Patrick Berg spielt die Rolle mit Bravour. Da lacht sogar das Bildungsbürgertum!

Patrick Berg (re.) als Eugen Rümpel in „Pension Schöller“ (Foto: Theater Osnabrück)

Die aktuelle Inszenierung im Osnabrücker Emma-Theater verlegt das Stück in ein Berlin der 80er Jahre. Die Bühne: ein „billiges Rattan-Gewand“ (Christine Adam, Neue Osnabrücker Zeitung). Hier können sich die Schauspieler nun nach Lust und Laune austoben. Allerdings dauert es in Osnabrück bis zum 5. Auftritt im II. Akt, bis endlich so etwas wir Humor aufkommt: Der lautstarke Oliver Meskendahl, mittlerweile wohl bekanntester und „dienstältester“ Schauspieler des Osnabrücker Ensembles, zählt in der Rolle des überdrehten Bernhady sämtliche Stationen seines Lebens auf, lässt dabei kein Land der Erde aus – und wird dadurch immer lustiger. Hier erkennt man zum ersten Mal die „Handschrift“ der Gastregisseurin Christine Eder und die zentrale Frage ihrer Inszenierung: „Was ist wirklich komisch?“

Was ist wirklich komisch? Schauspieler Patrick Berg und Regisseurin Christine Eder (Foto: Neue Osnabrücker Zeitung)

Aber dann, im 12. Auftritt des II. Akts, direkt vor der Pause, die furiose Darbietung von Patrick Berg als Eugen Rümpel. „Manche Sätze aus dem Stück sind grauenvoll“, sagt er, „man muss wahnsinnig viel dazuerfinden, damit die Komödie funktioniert und zündet.“ Aber Berg in der Rolle des Rümpel reißt die Zuschauer von den Sitzen und spielt nicht nur mit den „Knassikern“, sondern auch mit dem Publikum. Er macht sich lustig (nicht zuletzt über sich selbst) und vor allem: er ist wirklich komisch. Er zelebriert den Klamauk förmlich und spielt seine Kollegen mit Leichtigkeit an die Wand. Nach der Pause endet das Stück im erwarteten Chaos. Und Berg erhält verdientermaßen den größten Applaus.

Ich bin weiß Gott kein regelmäßiger Theatergänger, aber zum ersten Mal freue ich mich vor allem auf einen Schauspieler, wenn ich mir am 10. März „Der Geizige“ (von Peter Licht, frei nach Molière) ansehe: Patrick Berg in der Rolle des Cléante. Und nur wegen Berg gehe ich sogar in „Minna von Barnhelm“ in der Osnabrücker Inszenierung von Frank Abt … und versuche, dabei nicht an „Nessing“ zu denken.

Patrick Berg als Ehemann in „Wenn die Sonne immer noch so schön scheint …“ (Foto: Theater Osnabrück)

Regisseur Abt war es auch, der zusammen mit dem Journalisten Dirk Schneider in seiner Dokumentation „Wenn die Sonne immer noch so schön scheint …“ zum 10. Jahrestag des 11. September den „Menschen, die sonst im Theater nicht zu Wort kommen“, durch Schauspielern eine Stimme verlieh – Schauspielern wie Patrick Berg, der einen vermeintlich „einfach gestrickten“ älteren Ehemann so nuanciert spielt, das man ihn nicht mehr vergisst. Er erinnert dabei sogar ein wenig an Dustin Hoffman als Willi Loman in Schlöndorffs „Tod eines Handlungsreisenden“ von Arthur Miller.

Die ganz großen Rollen sind ihm jedenfalls ohne weiteres schon jetzt zuzutrauen. Je vielschichtiger desto besser. „Ich möchte den Hamlet spielen, um mich anschließend ins Goldene Buch der Stadt einzutragen“, sagt Patrick Berg in einem Interview der Neuen Osnabrücker Zeitung – und grinst ironisch. Ob er dabei an „Hamnet“ denkt?


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