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Jahrhundert-Album: „The Gloaming“ erfindet die traditionelle irische Musik neu.

| Reinhard Stiehl

Man versteht kein Wort, aber lauscht wie ein Kind: Wenn Iarla Ó Lionáird (das ist der Name des Sängers, „ear-lah o-linnard“ ausgesprochen) den Song „Samhradh Samhradh“ anstimmt (Samhradh ist Gälisch für Sommer), dann berührt sein Gesang die Seele. Iarla Ó Lionáird ist der Sänger einer neuen Supergroup der Folk-Musik, die das bisher wohl beste Folk-Album des 21. Jahrhunderts eingespielt hat. Es heißt genauso wie die Band: „The Gloaming“.

The Gloaming: „Samhradh Samhradh“, Christchurch, Cork (Irland)

„The Gloaming“ ist ein Ereignis wie es alle Jubeljahre mal vorkommt. Da treffen sich fünf Musiker – jeder für sich schon eine Koryphäe auf seinem Gebiet – und tun sich für ein Projekt zusammen, das die traditionelle irischen Folk-Musik neu erfindet. Das klingt pathetisch und ist es auch. „The Gloaming“ wird in der angloamerikanischen Musikwelt bereits enthusiastisch gefeiert.

In Deutschland ist „The Gloaming“ nur wenigen ein Begriff. Hierzulande verbindet man mit irischer Folkmusik in erster Linie die in die Jahre gekommenen „Dubliners“ oder „Chieftains“ und vielleicht noch die grandiose Interpretation des Klassikers „Dirty Old Town“ durch den bizarren Shane Macgovern und seine Punk-Band, die „Pogues“.

Zeitgenössische irische Folk-Bands wie Solas oder Gráda sind in Deutschland wohl nur „irophilen“ Freunden der Folk-Musik ein Begriff.

„The Gloaming“ ist anders.

Das mag auch am Verzicht auf die für irische Folk-Musik so typischen Pfeifen und Flöten liegen, die einem die gälischen Klänge auf Dauer auch manchmal ganz schön vergällen können. Aber es ist noch mehr. „The Gloaming“ klingt zwar durchaus traditionell, dabei aber absolut modern und minimalistisch, mitunter fast jazzig.

Ebenfalls untypisch: Das Klavier spielt die tragende Rolle in der Musik dieser Band. An den Tasten sitzt ein junger Amerikaner: Thomas Bartlett, besser bekannt als Doveman. Der Pianist, Sänger und Produzent ist vor allem aus seiner Zusammenarbeit mit Antony & the Johnsons, Laurie Anderson, David Byrne, The National oder Norah Jones bekannt. Sein behutsames, gedämpftes Klavierspiel bildet die Grundlage für alle ruhigeren Songs auf „The Gloaming“, bei dem die Streichinstrumente nur die zweite Geige spielen.

Während bei vielen volkstümlichen irischen Folkbands vor allem ordentlich gefiedelt wird, wartet „The Gloaming“ mit zwei ebenso virtuosen wie melodiösen, fast klassischen Instrumentalisten auf: Martin Hayes und Caoimhín Ó Raghallaigh.

Der eine, Hayes, tief verwurzelt in der Tradition von Fiddle und Céilí (klassischer irischer Kunsttanz, nicht zu verwechseln mit den schweißtreibenden Jigs), gewann schon in jungen Jahren zahlreiche Wettbewerbe und Preise in Irland, wanderte später nach Chicago aus und spielte dort in verschiedenen Rock- und Jazzbands. Hier lernte er auch den irisch-stämmigen Gitarristen David Cahill kennen, der sein kongenialer Partner wurde und die Gitarre als harmonische Ergänzung zur Fiddle in der neueren irischen Folkmusik erst hoffähig machte.

The Gloaming promoThe Gloaming v.l.n.r.: Iarla Ó Lionáird, Thomas Bartlett, Caoimhín Ó Raghallaigh, Martin Hayes, David Cahill

Was Cahill auszeichnet, ist seine Zurückhaltung. Er spielt sich und sein Instrument nicht in den Vordergrund, sondern ist ein Meister der Korrelation und bei „The Gloaming“ ein ebenso unauffälliger wie unverzichtbarer Teil des Ganzen.

Caoimhín Ó Raghallaigh ist der zweite Streichinstrumentalist. Sein tragendes und untermalendes Spiel auf der fünfsaitigen Viola und der norwegischen Hardangerfiedel gibt „The Gloaming“ ein Timbre mit wunderbar melancholischer Tiefe, die an eine alte skandinavische Tradition anknüpft.

„The Gloaming“ ist Weltmusik.

Vielleicht ist es das, was die Band von „landläufiger“ irischer Folkmusik unterscheidet. Kein Zufall, dass das Album auf Peter Gabriels Realworld-Label veröffentlicht wurde, auf dem Sänger Iarla Ó Lionáird mit dem Fuse-Projekt „Afro Celt Sound System“ seinen bisher größten Erfolg feierte.

Ó Lionáird’s Stimme ist das prägende „Instrument“ dieser überragenden Formation. Und da man seine Texte nicht versteht, bleibt sein – am gälischen Sean-Nós angelehnter – Gesang das einzigartige lautmalerische Merkmal von „The Gloaming“, der zurzeit wohl besten Folk-Band der Welt.


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