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Glasbruchkunst: „Der Russe ist einer, der Birken liebt“ von Olga Grjasnowa

| Viktoria Henning

Was passiert, wenn eine Frau die zersplitterten Stücke ihrer Identität aufsammelt und aufschreibt? Im Falle von Olga Grjasnowa entsteht ein Buch voller Splitter, ähnlich einem Kaleidoskop, das noch lange nach der Lektüre wirkt. Mal dreht man es vorwärts, mal rückwärts, in dem spannenden Versuch, die bunten Splitter zu einem bunten Ganzen zusammen zu setzen.

Grenzenlos, heimatlos: Autorin Olga Grjasnowa (28)

Der erste Teil des Romans blendet zurück auf den Progrom an den Armeniern in Aserbaidschan. Im 1988 wieder aufgeflammten, bis heute bestehenden Krieg um das armenisch-aserbaidschanische Grenzgebiet Bergkarabach fliehen über 500 000 Armenier. Unter ihnen ist auch die Erzählerin, die Jüdin Mascha, deren Eltern irrtümlich für Armenier gehalten und verfolgt werden.

Ausgerechnet in Frankfurt landet die Familie, da Maschas Mutter, anders als ihre Tante, eine Immigration nach Israel ablehnt. Der Bogen zurück zum Thema Zionismus wird mehrfach im Laufe des Buches geschlagen. Übersetzerin Mascha weiß nach dem Tod ihres Freundes Elias nicht wohin mit sich. So versucht sie, das nicht gelebte jüdische Leben der Eltern in Israel nachzuholen – bis es sie am Ende nach Palästina verschlägt.

In Jerusalem verliebt sie sich in die traumatisierte Ex-Soldatin Tal, deren politisches Engagement in Terrorismus überzugehen droht. Tals Fanatismus konterkarikiert Maschas völlig unpolitische Heimatsuche. Und doch gleichen die Frauen sich im Kampf gegen die Geister der Vergangenheit. Mascha halluziniert ihren toten Freund und ein Vergewaltigungsopfer aus Baku. Sie driftet immer haltloser durch den Roman, stolpert von einer Gefahrensituation in die nächste, berührt andere Figuren, ohne ihnen nahe kommen zu können.

Diese Nebendarsteller sind in der Kürze des Romans schablonenhaft daherkommende Vertreter an Aserbaidschan angrenzender Kulturen. Besonders bezieht sich Grjasnowa demnach auf Türken, Iraner und Russen, aber auch Palästinenser, Russen, West- und Ostdeutsche treten auf. Umso amüsanter inmitten eines tragischen Stoffes daher auch der Titel des Romans, ein Satz aus einem Gespräch über nationale Klischees. „Der Palästinenser ist einer, der aussieht, als würde er immer warten“, heißt es da auch. Ein Fremdschäm-Highlight des in Frankfurt spielenden Mittelteils ist beispielsweise der politisch überkorrekte Deutsche Daniel: „Ich war sein persönlicher Teddyjude“, kommentiert Mascha treffend.

Ob Mascha sich retten kann, wann sie in ihrem Spinnennetz der Sprachen und Kulturen den richtigen Faden findet, aus dem sich ein heimatlicher Kokon spinnen lässt, muss sich der Leser selbst beantworten. Das Ende belohnt nicht mit einer einfachen Lösung. Die Lektüre strengt an.

Liegt das an kleineren technischen Mängeln, wie etwa dem erstmaligen Wechsel der Erzählperspektiven auf den letzten Metern? Dem geschraubten Sprachstil der Nicht-Muttersprachlerin Grjasnowa, der sich leider auch auf die Dialoge ausdehnt, die dadurch mitunter zum wenig authentischen Treiber der ohnehin rasanten Handlung verkommen? Man hofft, Grjasnowa möge nach diesem Hochgeschwindigkeitsdebüt ihr zweites Werk ein wenig ausdehnen – man hofft jedenfalls, es möge ein zweites Werk geben.

»Ich wollte nicht, dass dieser Tag begann.«

„Der Russe ist einer, der Birken liebt“ fordert Geist und Gefühl gleichermaßen. Grjasnowa wird der Komplexität ihrer Sujets gerecht, in dem sie Raum für Interpretation lässt. Sie erliegt nicht der Versuchung, die Illusion einer Kartharsis zu erwecken. Indem sie ihrem alter Ego Mascha zwei wirkliche Freunde zur Seite stellt, schlägt sie inmitten von Vertreibung, Verlust und Vereinsamung doch noch ein paar versöhnliche Töne an.


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