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Genial! – Julian Barnes’ neuer Roman „Vom Ende einer Geschichte“

| Reinhard Stiehl

Gezeitenwellen sind ein Naturphänomen, das überall dort auftritt, wo Flüsse in ein Meer mit starkem „Tidenhub“, also großen Höhenunterschieden zwischen Ebbe und Flut, münden. Durch die steigende Flut des Meeres entsteht eine Welle, die den Fluss sozusagen wieder ins Land zurückdrängt. Das Wasser fließt scheinbar gegen seinen natürlichen Lauf plötzlich stromaufwärts. Im neuen Roman von Julian Barnes ist die „Severn Bore“, die berühmteste Gezeitenwelle Großbritanniens, eine Metapher für den „Strom der Zeit“, der mit einer hohen Welle plötzlich rückwärts fließt.

 

Überrascht von dieser (Ge-) Zeitenwelle wird Anthony „Tony“ Webster, ein 65jähriger Pensionär, dessen Leben in geordneten Bahnen verläuft. Er hat eine Karriere in der Kultur-Bürokratie hinter sich, seine Ehe ist geschieden, aber er versteht sich immer noch gut mit seiner Ex-Frau Margaret. Auch das Verhältnis zu seiner Tochter ist Ordnung. Susie, mittlerweile selbst Ehefrau und Mutter, und ihr Dad sehen sich zwar selten, aber was macht das schon im Zeitalter von E-Mail und sms.

Post von „jenseits des Grabes“

Die Welle trifft Tony in Form einer merkwürdigen Erbschaft und wirft ihn zurück in eine Zeit, als er mit seiner ersten Freundin Veronica dem Naturschauspiel der Severn Bore zusah. Mehr als 40 Jahre später hinterlässt Sarah Ford, die inzwischen verstorbene Mutter Veronicas, Tony in ihrem Testament 500 englische £ und einen Brief. Dabei hatte er die Mutter seiner Freundin nur ein einziges Mal in seinem Leben gesehen: an jenem Wochenende vor über 40 Jahren, das er im Haus der Familie Ford verbringen durfte und dabei ziemlich herablassend vom Vater und vom Bruder seiner Freundin behandelt wurde. Nur Veronicas Mutter schien es damals gut mit ihm zu meinen.

In ihrem Nachlass-Brief entschuldigt sich Mrs. Ford nun „von jenseits des Grabes“ nachträglich für die schlechte Behandlung bei Tony und vererbt ihm – neben der kleinen Summe Geldes – auch das Tagebuch seines Jugendfreundes Adrian.

Die Welle schwemmt Tony schließlich in seiner Oberstufenklasse an, in der er zusammen mit Colin und Alex ein Dreigespann bildete – Dandys im London den frühen Sixties, die schlagfertig und humorvoll über Gott & die Welt philosophieren konnten. Irgendwann kam mit Adrian der vierte dazu. Aber Adrian war anders. Er war (im übertragenen Sinne) der vierte der drei Musketiere – D’Artagnon – oder (etwas zeitgemäßer) der Neil Young zu Crosby, Stills & Nash. Adrian war intelligenter, ernsthafter. Er bereicherte die Clique, kein Zweifel, und er ließ die anderen ohne jede Überheblichkeit an seinen Gedanken teilhaben. Aber er blieb immer der andere, der vierte.

Selbstmord mit 22

Selbst als Adrian seinem Freund die Freundin ausspannte, nahm Tony es sportlich. Es war wohl auch mehr Veronica, die Gefallen an Adrian gefunden hatte, als Tony sie eigentlich stolz seiner Clique präsentieren wollte. Nach der Schule schworen sich die vier Freunde noch schnell ewige Treue, um sich im Studium ebenso schnell aus den Augen zu verlieren. Adrian erhielt, wie nicht anders zu erwarten, ein Stipendium für Cambridge.

Erst Adrians Selbstmord mit 22 brachte das alte Dreigespann noch ein letztes Mal wieder zusammen. Die drei Freunde kamen überein, dass Adrian sich nur aus philosophischen Gründen umgebracht haben konnte – wahrscheinlich als letzte Konsequenz einer meisterlich zu Ende gedachten Theorie. So ein schnöder Selbstmord wie seinerzeit der ihres Mitschülers Robson, der sich nur deshalb umgebracht hatte, weil er mit 16 eine Minderjährige geschwängert hatte, kam für Adrian natürlich nicht in Frage. Soviel war sicher.

Oder?

Geschichte ist die Summe der Lügen der Sieger,“ antwortet Tony einmal auf die Frage seines Lehrers. – „Solange Sie auch im Auge behalten, dass sie auch die Summe der Selbsttäuschungen der Besiegten ist“, entgegnet ihm dieser.

Und das ist es, worum es in Julian Barnes’ Roman eigentlich geht: unsere ganz persönliche Geschichte. Im ersten Teil „Vom Ende einer Geschichte“ erzählt Tony wie es vor über 40 Jahren war. Im zweiten Teil muss er erfahren, dass seine Erinnerungen, die über die Zeit zu Anekdoten geworden sind, an die er inzwischen schon selbst glaubt, in Wahrheit nichts als Selbsttäuschungen sind. Um es mit Adrian’s Worten auszudrücken: „Geschichte ist die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen.

Den zweiten Teil seines neuen Romans erzählt Barnes so spannend und mitreißend wie einen Krimi, dessen ebenso unerwartete wie dramatische Auflösung hier nicht verraten werden soll.

Julian Barnes alias Dan Kavanagh

Kein Wunder, denn Julian Barnes ist neben Ian McEwan („Abbitte“) nicht nur der beste zeitgenössische Romancier Englands, sondern auch ein begnadeter Krimi-Autor. Unter dem Pseudonym Dan Kavanagh veröffentlichte er in den 80er Jahren vier erstklassige Krimis rund um den runtergekommenen, bi-sexuellen Ex-Kommissar Duffy. Noch heute gibt es eine Website, die eine hanebüchene Biografie von Dan Kavanagh erzählt, die ebenso frei erfunden ist wie sein Held.

Julian Barnes (wird am 19. Januar 66) und sein neues Buch

Kavanagh war der Geburtsname von Julian Barnes’ Frau Patricia („Pat“), der er jedes seiner Bücher gewidmet hat; so auch seinen neuesten Roman – posthum, denn Pat starb 2008 an einem Gehirntumor. Für „The Sense of an Ending“, so der Original-Titel, erhielt Julian Barnes 2011 den begehrtesten englischen Buchpreis, den „Booker-Price“. Der ist, auch angesichts seiner bisherigen Veröffentlichungen, mehr als verdient.

Eine Zeit lang schien es, als seien die Engländer sauer auf seine frankophile Ader, die mit seinem ersten großen Romanerfolg „Flaubert’s Papagei“ begann. Barnes übersetzt auch aus dem Französischen. (Seine deutsche Übersetzerin, Getraude Krueger, hat übrigens auch die Sketche von Monty Python ins Deutsche übersetzt.) Für mich sind seine frühen Meisterwerke „Als sie mich noch nicht kannte“, ein Eifersuchts-Drama in Romanform, und „Darüber reden“, eine Dreiecksbeziehung, die abwechselnd aus allen drei Sichtweisen erzählt wird und in „Liebe usw.“ ihre Fortsetzung fand, die bisher besten Bücher von Julian Barnes. „Vom Ende einer Geschichte“ knüpft daran an.

Gegen den Strom geschrieben

Barnes beherrscht die Konstruktion einer Romanhandlung perfekt. Es scheint, als würde er die Geschichte – genau wie die Severn Bore – vom Ende, also von der Flussmündung her denken und zum Anfang, also zur Quelle hin anlegen. Auch so kann man den deutschen Titel „Vom Ende der Geschichte“ verstehen: Der Roman handelt nicht vom Ende einer Geschichte, er ist vom Ende der Geschichte her gedacht. Barnes schreibt – wie die Gezeitenwelle – „gegen den Strom“, während der Leser sich „flussabwärts“ bewegt. Unterwegs begegnen ihm zahlreiche Hinweise, die aber erst zum Schluss in ihrer tieferen Bedeutung klar werden. Das ist beste Krimi-Dramaturgie. Es lohnt sich also, beim Lesen auf die eigene Intuition zu „hören“ und genau hinzusehen.


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