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Der Kleckser – 100 Jahre Jackson Pollock

| Reinhard Stiehl

Meine erste Begegnung mit Jackson Pollock hatte ich 1988 in der Tate Modern, dem Ableger der Londoner Tate Gallery auf der Südseite der Themse. Ich wusste, dass sie dort ein Bild von Pollock erstanden hatten und ausstellten: „Summertime, Number 9 A“ aus dem Jahr 1948; gut 80 cm hoch, über 5,50 m breit. Als ich das Bild sah, war ich so fasziniert, dass ich mich nicht mehr davon lösen konnte.

Ich ging ganz nah ran, um mir jeden „Drip“ und jede „Line“ ganz genau anzusehen. Dann ging ich wieder auf Abstand, um das Bild von weitem zu betrachten und auf mich wirken zu lassen, um mich ihm anschließend wieder zu nähern. Ich vergaß die Zeit. Der Aufpasser ließ mich nicht aus den Augen. Wahrscheinlich dachte er, dieser merkwürdige Typ, der einfach nicht weitergehen wollte, hatte vor, einen Anschlag auf das Bild zu verüben. (Für die Freunde der gegenständlichen Kunst sieht das Bild ohnehin so aus, als hätte man diesen Anschlag bereits verübt …)

Summertime No 9 A„Summertime No 9 A“, Jackson Pollock (Tate Modern)

Ich glaube, es gab kein Gemälde eines bildenden Künstlers, das mich jemals mehr faszinierte als „Summertime, Number 9 A“ von Jackson Pollock. Vielleicht war es für mich so etwas wie die Entdeckung der Kunst. Sehr spät (ich war 30), aber nicht zu spät, um mich darauf einzulassen. Mit Pollock wuchs auch meine Liebe zu den abstrakten Expressionisten und dem Modern Jazz der 40er und 50er Jahre, vor allem zum Cool Jazz und zum Bossa Nova. Ein Gesamtkunstwerk also.

Nicht nur die Musik dieser Zeit spielte in New York. Die Stadt löste auch Paris als Metropole der „Fine Arts“ ab. Viele europäische Künstler waren vor den Nazis geflüchtet und nach New York immigriert. Einer davon war Hans Hofmann, der schon 1933 an der Madison Avenue in Manhattan eine Kunstschule gründete, aus der auch die spätere Frau von Jackson Pollock, die Malerin Lee Krasner hervorging.

Jackson Pollock und Lee KrasnerJackson Pollock und Lee Krasner, Foto: Hans Namuth

Pollock, Krasner, Rothko, de Koning und all die anderen abstrakten Expressionisten waren Vertreter der sogenannten „New York School“, zu der auch Dichter und Musiker zählten, die aber nie die Berühmtheit der Maler erlangten. Mit Ausnahme von John Cage und David Tudor vielleicht, den Pionieren der modernen (elektronischen) Musik.

Hatten sich schon die Expressionisten über den Naturalismus hinweggesetzt, so sprengten die abstrakten Expressionisten nun sämtliche Grenzen der gegenständlichen Kunst: „Action Painting“. Keiner tat es so konsequent wie Jackson Pollock. Seine Tröpfeltechnik brachte ihm den Spitznamen „Jack the Dripper“ ein. Seine Art zu malen, in dem er wie ein „Tanzender Derwisch“ um seine auf dem Boden liegenden Leinwände herum sprang, war ebenso einzigartig wie seine Bilder. Pollock war buchstäblich in seinen Bildern.


Jackson Pollock 51, Regie: Hans Namuth, Musik: Morton Feldman

Seine so entstandenen, meistens überdimensionalen Werke üben eine magische Anziehungskraft aus, die den Betrachter sofort in das Bild hinein zieht. (Oder wahlweise abschreckt.) Die exzentrische Kunstsammlerin Peggy Guggenheim wurde Pollocks größter Fan. In ihrer New Yorker Galerie „Art of the Century“ an 57. Straße, das zugleich ein Museum war, gestaltete sie in den 40er Jahren zahlreiche Ausstellungen für den Künstler und machte ihn damit berühmt.

Jackson Pollock war aber nicht nur der erste amerikanische Maler, der eine eigene Stilrichtung begründete, er bediente auch das Klischee des lebensmüden, saufenden und kettenrauchenden Cholerikers. Pollock war manisch depressiv oder wie es heute vornehm heißt: er hatte eine affektive bipolare Störung und schwankte zwischen plötzlichen Ausbrüchen und tagelanger Apathie. Er war der Hemingway der bildenden Kunst.

Jackson Pollock mit ZigaretteJackson Pollock mit Zigarette

Ohne seine Frau, mit der er sich Mitte der 40er Jahre aus New York nach Springs, East Hampton auf Long Island zurückzog, hätte Pollock sein Werk wohl niemals in dieser Breite und Tiefe schaffen können. Lee Krasner, selbst eine begnadete Künstlerin, förderte ihn bis zur Selbstaufgabe und erlangte – auch nach Pollocks frühem Tod – niemals die Anerkennung oder Bekanntheit ihres Mannes, der heute als der berühmteste amerikanische Maler aller Zeiten gilt. Pollocks Werk „No. 5“ ist, wenn nicht das, so doch eines der teuersten Gemälde Welt.

Jackson Pollock starb 1956 im Alter von 43 Jahren, wahrscheinlich sturzbetrunken, bei einem Autounfall, nachdem er bereits 18 Monate lang kein Bild mehr zustande gebracht hatte und vollends dem Suff verfallen war. Am 28. Januar wäre er 100 Jahre alt geworden.

Das Haus von Jackson Pollock und Lee KrasnerLinks: Das Haus von Jackson Pollock und Lee Krasner in Springs, East Hampton. Rechts: Das Grab von Pollock (hinten) und Krasner (vorne) auf dem Green River Cemetry in Springs.

Für viele (und nicht nur Kunstbanausen) ist er schlicht und einfach „Der Kleckser“ geblieben, der das tat, was jedes Kind kann: nach Herzenslust mit Farbeimern spielen. Wer ihn einmal erlebt hat – ob in den großartigen Dokumentationen des deutschen Fotografen und Filmemachers Hans Namuth oder in dem ebenfalls sehenswerten und Oscar-prämierten Hollywood-Film „Pollock“ von und mit Ed Harris – bekommt vielleicht eine Vorstellung davon, was Jackson Pollock geschaffen hat: abstrakte Kunst als Ausdruck des Unbewussten in ihrer ursprünglichsten und reinsten Form.

Wer sich selbst im (virtuellen) Klecksen versuchen will kann das hier tun oder sich die entsprechende iPhone/iPad-App im iTunes-Store für 79 Cent kaufen.


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