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Das Schweigen der Männer: „Im Frühling sterben“ von Ralf Rothmann.

| Reinhard Stiehl

Ralf Rothmann gehört zu den wenigen Autoren, die mit bloßen Worten eine Wirklichkeit erschaffen können, die man buchstäblich sehen, hören und fühlen kann. Ja sogar riechen und schmecken kann man sie. „Im Frühling sterben“ heißt sein neuer Roman, der bereits für den kommenden Frankfurter Buchpreis gehandelt wurde … wenn Rothmann selbst es nicht abgelehnt hätte, überhaupt nominiert zu werden. „Er möchte lieber nicht“, heißt es dazu lapidar von Seiten seines Verlages.

Er hat es auch nicht nötig. Denn Preise hat er bereits genug.

Preise, die ihn eine Reihe mit großen deutschsprachigen Autoren stellen: Hermann Lenz, Wilhelm Raabe, Heinrich Böll, Max Frisch, Hans Fallada, Friedrich Hölderlin …

Nein, Günter Grass ist nicht dabei.

Das Image des „schlechten Gewissens der Nation“ (J. Fest über G. Grass) hat zuletzt sehr gelitten, nachdem der Nobelpreisträger 2006 selbst bekannt machte, mit 17 Jahren der Waffen-SS beigetreten zu sein. Dafür gab es wenig Verständnis und viel Häme. Der junge (und kürzlich früh verstorbene) Politiker Philip Mißfelder forderte den Schriftsteller seinerzeit sogar zur Rückgabe des Nobelpreises auf.

Und Rothmann?

Ralf Rothmann Im Frühling sterben Der Roman und sein Autor.

Auch der Held dieser Geschichte, der 17 jährige Melkhelfer Walter Urban, tritt in den letzten Kriegsmonaten der Waffen-SS bei. Ein Tanzabend mit Freibier entpuppt sich als Zwangsrekrutierungsveranstaltung der Waffen-SS, die in den letzten Kriegswochen jeden einzieht, „… der ein Gewehr halten kann.“ Ortsbauernführer Hunstein weiß auch warum:

Das sind wir unseren Helden an der Front einfach schuldig. (…)
„Wer dagegen ist“, fügte er leiser hinzu, strich sich das Haar zurück und ließ ein Schnalzen hören, als hätte er etwas zwischen Zähnen. „Wer dagegen ist, kann ja jetzt aufstehen.“

Er könnte sich aber auch gleich an die Wand stellen.

Walter und sein frecher Freund Fiete melden sich unfreiwillig zu den Waffen und landen schließlich in Ungarn bei der „Division Fundsberg“ – jener Einheit, bei der auch der 17jährige Günter Grass gedient hat.

Mit „Im Frühling sterben“ ist die Nach-Grass-Ära kraftvoll eingeleitet worden.

Das schrieb Ina Hartwig in der ZEIT und stellt damit in vielerlei Hinsicht einen Bezug zwischen den beiden Autoren her. Aber keine Beziehung! Zwar hätte der im Frühling 2015 im Alter von 87 Jahren verstorbene Grass der Vater des heute 62 jährigen Rothmann gewesen sein können. War er aber nicht.

Rothmanns tatsächlicher Vater war Bergarbeiter im Ruhrpott – und davor Melker in Norddeutschland … bis er 1944 von der SS zwangsrekrutiert wurde.

Trotzdem ist „Im Frühling sterben“ kein biografischer Roman. Denn im Gegensatz zum greisen Coming Out von Günter Grass hat Rothmanns Vater nie über seine Erlebnisse geredet. Auch auf das Drängen seines Sohnes, ihm doch „wenigstens jene Wochen im Frühjahr ’45 genauer zu beschreiben, winkte er müde ab …“ Und ergänzt:

„Du bist der Schriftsteller.“

Ralf Rothmann teilt das Schicksal vieler sogenannter Kriegsenkel, deren Eltern (selbst noch Kinder oder Jugendliche) im Krieg schwer traumatisiert wurden, aber später nie darüber redeten. Stattdessen bauten sie das Wirtschaftswunder und vererbten ihr Trauma an die nächste Generation weiter.

Ralf Rothmann gelingt das Unmögliche: Er gibt dem sprachlosen Vater eine Stimme. Er versetzt sich nicht nur in seine Lage. Er durchlebt sie noch einmal und wir mit ihm. „Im Frühling sterben“ zu beschreiben ist unmöglich. Man muss es gelesen haben.

Seinem Roman stellt der Autor ein alttestamentarisches Zitat aus dem Buch des Propheten Ezechiel voran:

Die Väter
haben saure Trauben gegessen,
aber den Kindern
sind die Zähne davon stumpf geworden.

Das sagt eigentlich schon alles. Walters Freund Fiete drückt es im Roman mit seinen Worten aus:

… dass es ein Gedächtnis der Zellen in unserem Körper gibt, auch der Samen- und Eizellen also, und das wird vererbt. Seelisch oder körperlich verwundet zu werden macht was mit den Nachkommen.

Es ist die Nacht vor seiner Hinrichtung, als er das sagt, denn Fiete wollte kurz vor Kriegsende noch von der Fahne gehen. Aber die Feldjäger lauern überall und für Deserteure gibt es kein Erbarmen. An dieser Stelle wird der Roman zur klassischen Tragödie: Walter wird zum Erschießungskommando abkommandiert, das seinen Freund füsilieren soll.

Ein überwältigender Roman.

„Im Frühling sterben“ ist ein Kriegsroman. Früher wurden solche Bücher von Zeitzeugen geschrieben: Borchert, Böll oder eben Grass, die Nachkriegsliteraten. Nun also ist es die „Nach-Grass-Ära“, die – ausgerechnet – mit einem Kriegsroman „kraftvoll eingeleitet“ wird … der frei erfunden ist … von einem, der nie im Krieg war. Ralf Rothmann sagt dazu:

Literatur ist ein Freiraum für Träume, an dem man von Herzen ungestraft lügen kann und am Ende, wenn es gut geht, doch die Wahrheit gesagt hat.

Nein, sein Vater musste seinen besten Freund nicht erschießen. So gesehen lügt der Roman. Die Geschichte vom Soldaten, der seinen besten Freund exekutierte, hat der Autor bei seinem Vermieter gehört. Mit dieser Geschichte hat Rothmann das Vakuum gefüllt, das sein schweigsamer Vater bei ihm hinterlassen hat. Und damit hat er am Ende doch die Wahrheit erzählt.

So eindringlich, dass es kein Entrinnen aus diesem Roman gibt. Und so tiefgreifend, dass man – selbst Kriegsenkel – nun seine eigene Familiengeschichte ausgräbt. Auch wenn das Grab des Vaters längst eingeebnet ist.

Ralf Rothmann liest aus seinem Roman Im Frühling sterben am Montag, den 14. September 2015 um 20.00 Uhr im Blue Note am Erich-Maria-Remarque-Ring 16 in Osnabrück. 

 


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