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Da lacht der Linguist – Wolf Haas’ Roman „Die Verteidigung der Missionarsstellung“.

| Reinhard Stiehl

Geschichten, die das Leben schreibt (oder neuerdings auch die Leber) haben oft einen Clou, eine Pointe, die sie interessant macht. Beim aktuellen Leipziger Buchpreisträger David Wagner ist es ein Tippfehler: „Komme jetzt ins Krankenhaus, für neue Leben“, schreibt er in einer SMS an seine Freunde. Wagner meinte die (Spender-) Leber, die ihm das Leben gerettet hat.

Das ist ihm wirklich so passiert – das mit der SMS und das mit der Leber. Und auch wieder nicht, denn sonst wäre „Leben“ ja kein Roman. „Alles war genauso. Und auch ganz anders.“ So lautet das Motto, das Wagner an den Anfang seines preisgekrönten Buches stellt.

Der österreichische Sprachkünstler Wolf Hass, vor allem bekannt durch seine kauzig-komischen Simon-Brenner-Krimis, braucht für seine Geschichten keinen Clou, denn sie sind der Clou – und voller Pointen. Alles frei erfunden. Oder auch nicht.

Schon sein erster „richtiger“ Roman „Das Wetter vor 15 Jahren“ aus dem Jahr 2006 setzte die traditionelle Erzählform „Literarische Figur/Erzähler/Autor“ außer Kraft. Im Buch interviewt eine („Literaturbeilage“ genannte) Redakteurin den Autor Wolf Haas über sein Buch. Dabei entsteht der Roman im Interview über den Roman, den es eigentlich nicht gibt – bzw. doch gibt, sonst könnte man ja nicht über ihn sprechen.

Man nennt das eine Antinomie – in der Sprachwissenschaft bedeutet das die Vermischung von Objekt- und Metaebene. Ein Satz darf nicht über sich selbst sprechen. Beispiel: „Wer das liest, ist blöd“.

Die Verteidigung der Missionarsstellung Wer das liest, ist schlau.

In eine solche linguistische Trickkiste greift der Autor Wolf Haas – selbst Sprachwissenschaftler – auch in seinem neuen Roman „Die Verteidigung der Missionarsstellung“. Und es macht einen Heidenspaß, ihm dabei zu folgen. An einer Stelle, die in London spielt und an der jetzt eigentlich eine atmosphärische Beschreibung der Stadt fällig wäre, führt Haas eine Klammer in seinen Text ein, die wie eine Regieanweisung an sich selbst klingt:

[HIER NOCH LONDON-ATMOSPHÄRE EINBAUEN. LEUTE. AUTOS. HÄUSER. 1988. THE BLICK FROM THE BRIDGE.]

Der Leser stellt sich in diesem Moment genau diese Atmosphäre selbst vor und Haas spart sich eine zehnseitige atmosphärische Beschreibung. Zudem hat der Leser die Illusion, bei der Entstehung des Romans dabei zu sein, den er bereits fertig gedruckt und gebunden in seinen Händen hält. Schöne Grüße von der Meta-Ebene!

So geht es munter weiter.

Wenn der Erzähler im Roman von einem wissenschaftlichen Text berichtet, den er nur quer gelesen hat, dann laufen die folgenden Sätze zu diesem Text auch quer über die Buchseite.

Abbildung Leseprobe

Wenn der chinesische Kellner in China auf Chinesisch nach der Bestellung fragt, erscheinen plötzlich chinesische Schriftzeichen im Text, die der Leser genauso wenig versteht wie der Gast.

Gottseidank verliebt sich dieser Gast – Benjamin Lee Baumgartner, der Held des Romans – gerade in eine holländische Übersetzerin, die des Chinesischen mächtig ist. (Ihre anschließende Bestellung erscheint im Buch selbstverständlich wieder in chinesischen Schriftzeichen.)

Erregung von Epidemien

Womit wir (endlich) bei der Handlung des Romans wären, die aber ebenso nebensächlich wie hanebüchen ist: Wir begleiten Benjamin Lee Baumgartner dabei, wie er sich immer dann in eine Frau verliebt, wenn am selben Ort gerade eine Seuche ausbricht. Zuerst BSE in London, dann die Vogelgrippe in China und schließlich die Schweinepest in New Mexico.

Seinem besten Freund (dem Ich-Erzähler/Autor) nimmt er sogar das Versprechen ab, sofort die Gesundheitspolizei zu verständigen, sobald er wieder Symptome der Verliebtheit zeige. Auf diese Weise wird am Ende sogar der EHEC-Erreger lokalisiert. Denn Benjamin Lee Baumgartner hat sich ausgerechnet in eine Frau aus Bienenbüttel verliebt – dem Ort, an dem seinerzeit der Erreger in den biologisch angebauten Soja-Sprossen eines Ökohofes gefunden wurde.

Die Liebe in Zeiten des Rinderwahnsinns

Wer bis über beide Ohren verliebt ist, bei dem setzt bekanntlich das Organ zwischen den Ohren aus. Zumindest der Teil des Gehirns, der für die Vernunft zuständig ist. Psychologen vergleichen diesen Zustand mit einer Psychose. Das brachte Wolf Haas auf die Idee zu seinem verrückten Roman.

Im Grunde ist das sensationell, dass so vieles in unserem Leben – die Paarbildung, die Eheschließungen, der ganze Staat sozusagen, wie er funktioniert – auf diesem Moment, der einer Psychose entspricht, basiert. Und das hat einfach schon einen Witz, den ich mir nicht entgehen lassen wollte.

„Verteidigung der Missionarsstellung“ erzählt die Geschichte von Benjamin Lee Baumgartner mit genau diesem Witz. Wundern Sie sich also nicht, wenn jemand ganz unvermittelt laut auflacht, der gerade dieses Buch liest!

Baumgartner sieht aus wie Chief Bromden, der vermeintlich verrückte Indianer-Häuptling aus „Einer flog über das Kuckucksnest“. (Auch der Titel dieses Films ist ja ein Paradoxon wie die o.g. Antinomie.) Diese Ähnlichkeit ist der „running gag“ in dem Buch und führt zu allerlei Verwicklungen mit dem weiblichen Geschlecht, in deren Verlauf auch der wunderbare Titel des Romans aufgelöst wird. Nur soviel: Kamasutra wird deutlich überbewertet.

Chief-Bromden-Szene aus „Einer flog über das Kuckucksnest“.

Der Vorname „Benjamin Lee“ ist eine Anspielung auf den amerikanischen Sprachwissenschaftler Benjamin Lee Whorf, von dem die „linguistische Relativitätstheorie“ stammt, nach der (einfach ausgedrückt) Grammatik und Wortschatz der Muttersprache das Denken und Handeln bestimmen – nicht umgekehrt! Eine These, die Whorf am Beispiel der Hopi-Indianer belegte. Und Benjamin Lee Baumgartners’ verschollener Vater war ein Hopi-Indianer … glaubt man seiner deutschen Hippie-Mutter im Roman.

Die nennt ihrem Sohn allerdings auch beim umgekehrten Vornamen – also Lee Benjamin, kurz „Lee Ben“, weil „Lee Ben“ lautmalerisch das ausdrückt, was sie bei seiner Erzeugung empfunden haben muss. Darauf muss man erst mal kommen!

„Verteidigung der Missionarsstellung“ wird aufgrund seiner verwobenen Erzähl-Ebenen gerne mit den Bildern von Maurits Cornelis Escher verglichen. Mit der gleichen Präzision wie der holländische Grafiker (siehe Bild: „Waterfall“ – MC Escher) entwirft Wolf Haas aus ständigen Perspektivwechseln ein täuschend echtes Romangebäude, in dem man sich als Leser nur allzu gerne verläuft, aber niemals verliert.

„Verteidigung der Missionarsstellung“ ist ganz große zeitgenössische Literatur, die eigentlich gleich beide Buchpreise – den in Frankfurt und den in Leipzig – verdient gehabt hätte, für die der Roman von Wolf Haas aber nicht einmal auf der Shortlist stand.

So spielt die Leber!


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