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CocoRosie – zwei Schwestern erwecken ihr inneres Kind und formen daraus ein Gesamtkunstwerk.

| Reinhard Stiehl

Zufall, der einem zufällt: CocoRosie finden mich beim Zappen. Auf ZDF.kultur läuft eine Wiederholung vom „Aufnahmezustand“, einem höchst empfehlenswerten Fernseh-Format mit Musik-Sessions, die im ehemaligen Berliner „Funkhaus der DDR“ eingespielt werden, das für seine hervorragende Akustik bekannt ist.

Das Studio: eine Location mit original Vintage-Atmosphäre, die man nicht erst in Photoshop erzeugen muss. Die Band: Musiker aus aller Herren Länder. Allen voran zwei Frauen: Die eine singt wie eine Opern-Diva, die andere wie ein quäkendes Kleinkind. Die Instrumentierung der Band ist ebenso „multikulti“ wie ihre Mitglieder: Orientalische Blas-, Zupf- und Schlaginstrumente treffen auf elektronische Keyboards und human beatboxing.

Ich bin hin- und hergerissen zwischen „wie sehen die denn aus“ oder „wie hört sich das denn an“ … und einer intuitiven Faszination, die sich schließlich durchsetzt. Wie gebannt verfolge ich die Session, nur unterbrochen von den Kommentaren der beiden Schwestern Bianca und Sierra, die von ihrer Mutter „Coco“ und „Rosie“ gerufen wurden.

Auf YouTube finde ich das Konzert später wieder – und einen Ausschnitt mit der zum Zeitpunkt der Session (2012) aktuellen Single: „We are on fire.“ Es wird meine Musik-Schleife der nächsten Stunden und Tage. Immer wieder höre ich diesen Song.

Jetzt will ich alles wissen über CocoRosie.

Und die Story von Bianca („Coco“) und Sierra („Rosie“) Casady zieht mich ebenso in ihren Bann wie die Musik von CocoRosie. Es ist die Geschichte von zwei Töchtern durchgeknallter Hippie-Eltern – Vater Wanderprediger, Mutter Künstlerin – die ständig umziehen und umherziehen: Nomaden und Vagabunde. Sierra wird in Iowa geboren, Bianca zwei Jahre später auf Hawaii. Als die Mädchen 3 und 5 Jahre alt sind, trennen sich die Eltern. Mit 14 wird die Ältere auf ein Internat geschickt und sieht ihre kleine Schwester fast 10 Jahre lang nicht wieder. Eine Kindheit, die geprägt ist von Heimatlosigkeit, Vernachlässigung und Trennungsschmerz.

Soweit die Vorgeschichte.

Teil 2 der Story beginnt 2003. Bianca, die Sprachwissenschaften und Soziologie studiert, besucht Sierra, die mittlerweile als Opernsängerin in Paris lebt. Das Wiedersehen von Bianca und Sierra wird zur Wiedergeburt von Coco und Rosie.

Man kann nur erahnen, welche tiefgreifenden Gefühle und Phantasien diese Begegnung in den beiden ausgelöst hat. Über die Kunst finden sie einen Ausdruck dafür.

Aus ihren Tagebucheintragungen entstehen die ersten gemeinsamen Songs, die der Legende nach im Badezimmer der Pariser Wohnung von Sierra (Rosie) aufgenommen werden. Das erste Album entsteht eher zufällig, weil einer, der die beiden gehört hat, einen kennt, der einen kennt, der ein Plattenlabel hat.

„La maison de mon rêve“ (2004) polarisiert. So wird es auch bei folgenden 3 Alben bleiben. Elektronische Samples und Vokal-Beats treffen auf Harfen, Bambusflöten und Trommeln, Sprechgesang trifft auf Opernarie, gelegentlich untermalt von Popcornmaschinen und Haarfönen. Dazu versponnene, düstere und symbolschwangere Texte. „Freak Folk“ heißt in diesem Fall die Schublade, die Kritiker für diese Musik öffnen. Wer es gut mit CocoRosie meint, vergleicht sie mit Joanna Newsom und Björk, Zyniker eher mit Björk und Lena Meyer-Landrut.

Björk scheint in ihrem eigenen Wandern zwischen den (Kunst-) Welten tatsächlich so etwas wie die große Schwester von Coco und Rosie zu sein und nicht ohne Grund zeichnet Björk-Produzent Valgeir Sigurdsson auch für das neueste CocoRosie-Album „Tales of a GrassWidow“ (Geschichten einer Strohwitwe) verantwortlich.

Auch CocoRosie sind ein Gesamtkunstwerk, ihr märchenhafter bis psychodelischer Auftritt endet nicht auf der Bühne oder bei einem ihrer Solo-Projekte, zum Beispiel einem Tanztheater (Bianca) oder einer Pop-Oper (Sierra). Die Schwestern inszenieren sich auch im Privatleben als Coco und Rosie und sprengen dabei nicht nur die Grenzen zwischen Rolle und Realität sondern auch die zwischen Geschlecht und Gender.

Future Feminists“ ist ein Projekt, das Bianca (Coco) mit dem androgynen Sänger Antony Hegarty und den Performance-Künstlerinnen Kembra Pfahler und Johanna Constantine ins Leben gerufen hat. Es schwimmt – ähnlich wie Femen, Slutwalk und Pussy Riot – auf der sogenannten „Dritten Welle“ des Feminismus.

Bianca (Coco) konstatiert:

„Patriarchy is over. (…) Most of all, I am tired of the male image of God. We are from the earth, she is our mother; we must protect her.“

2008 veröffentlicht die Band einen Song mit dem Titel: „God has a voice, she speaks through me.“ Selbst der Totengräber wird auf dem neuen Album zur „Gravedigress“.

Bianca, das bockige Kind, predigt wie ihr Vater, während Sierra als elegische Elfe mütterlicher Weiblichkeit nacheifert.

„Kunst ist Kindheit“

Tatsächlich sind Coco und Rosie wohl eher die „inneren Kinder“ von Bianca und Sierra.

Als „inneres Kind“ bezeichnet die Psychologie die personifizierte Summe aller Gefühle, Erinnerungen und Erfahrungen aus der Kindheit, die im Gehirn des Erwachsenen gespeichert sind – Verletzungen, Kränkungen und Ängste ebenso wie Glück und Geborgenheit.

„Kunst ist Kindheit – Kunst heißt, nicht wissen, dass die Welt schon ist, und eine machen,“ schrieb Rainer-Maria Rilke. Und Carl-Gustav Jung wusste: „Das Kind (…) stellt den stärksten und unvermeidlichsten Drang des Wesens dar, nämlich den, sich selbst zu verwirklichen.“

Im Gesamtkunstwerk von Bianca und Sierra Casady verwirklichen sich ihre „inneren Kinder“ Coco und Rosie – keine schlechte Idee, um als erwachsene Frauen die laut eigener Aussage „schmerzhaftesten aller Erfahrungen“ zu verarbeiten. Für die aktuelle Inszenierung von Robert Wilson am Berliner Ensemble schrieb CocoRosie die Musik: „Peter Pan“, die Geschichte von dem Kind, das nicht erwachsen wird.

Heute spielt die Band in Erlangen, morgen in Duisburg, übermorgen (und überübermorgen) in Leipzig. Diese Konzerte werden die Zuschauer polarisieren … und faszinieren – so wie mich die Session im Berliner Funkhaus.


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